Rezension: PAINSTATION, SCREAM Band 2 ~ Alisha Bionda und Michael Krug (Hrsg.)

Liebe Weltenbummler,

neues Lebensjahr, neues Glück – die Fiktiven Welten drehen sich weiter …

Und das mit einer neuen Rezension!

Klappentext:
Willkommen in der PAINSTATION!

Sie gehen mit Tanya Carpenter, Marc-Alastor E.-E., Florian Hilleberg, Brian Keene, Daniel G. Keohane, Oliver Kern, Ronald Malfi, Karl-Georg Müller, Thomas Plischke und Harald A. Weissen Station für Station auf eine Reise in die Welt des sowohl subtilen als auch vordergründigen Horrors.

Wir sind überzeugt davon, es wird Ihnen gefallen!

(Inhalt + Cover © Voodoo Press)

Rezension: Idee, Umsetzung, Meinung
Mit dem Roman BEGEGNUNG MIT SKINNER von HARALD A. WEISSEN fand SCREAM im Mai 2010 im Sieben Verlag einen phänomenalen Auftakt. Nun legen die Herausgeber ALISHA BIONDA und MICHAEL KRUG den zweiten Band der Horrorreihe um schauerliche Vielfalt im Sinne des Bel Esprits bei Voodoo Press vor.

Dieses Mal erwartet den Leser abwechslungsreiche Kost in zehn knackigen Häppchen. Nationale sowie internationale Autoren stellen ihr Können in der vorliegenden Anthologie unter Beweis:

Edmund führt ein trostloses Dasein. Unbefriedigende Arbeit, triste Wohnung, keine Freunde. Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, drohende Selbstaufgabe. Die einzigen spannenden Momente in seinem Leben sind die Newsmeldungen über verschwundene Frauen in der Stadt, der Fortschritt der Bauarbeiten vor seinem Fenster und neuerdings das begründete Gefühl, nicht alleiniger Nutzer seiner Behausung zu sein. Angriffslustig legt er sich auf die Lauer. Er wird denjenigen stellen, der es wagt, in seiner Abwesenheit regelmäßig die Vorhänge zuzuziehen und den Thermostat runterzudrehen. Sein Mut wird belohnt – oder eben auch nicht …

DER FREMDWOHNER bringt kaltes Grausen in die Geschichte von OLIVER KERN. Jenseits marktgängiger Schmonzetten setzt der Autor die Bedeutung der Ewigkeit speziell in Szene. Diese bringt leider nicht nur Vorteile mit sich. Kurz und knapp, dafür sehr atmosphärisch und wirkungsvoll!

Tim Martens, Webdesigner eines aufstrebenden IT-Unternehmens, denkt an einen schrägen Scherzartikel, als er den Slogan einer App für sein Handy liest: “Willst du wissen, wie deine Freunde sterben?”. Die sechsundsechzig Cent für den makaberen Humor nimmt er in Kauf und testet “Death View” sogleich an sorglosen Passanten, einem Bauarbeiter und dem Coverstar eines Magazins. Abends beim Treffen mit Freunden sind diese ebenfalls neugierig und auch sich selbst nimmt Tim schließlich ins Fadenkreuz. Partygag, Zufallstreffer, Prophezeiung oder gar Werkzeug des Todes? Vorsicht: Manche App hält, was sie verspricht!

Eingebettet in das reale Leben der Menschheit mit all seinen modernen wirtschaftlichen und technischen Begebenheiten findet THOMAS PLISCHKE mit DEATH VIEW einen Aufhänger für den unbewiesenen Horror im Alltag. Insbesondere der Schluss der Erzählung lässt dem Leser die Haare zu Berge stehen, scheint das Unheil doch noch nicht ausgestanden.

In der kleinen Radiostation KNR 4 im achtundachtzigsten Stockwerk des Goldschmied-Turms Neu-Zürichs liegt der Moderator Alexander dem Tode nahe am Boden. Sein Peiniger nutzt die Nachtvögel-Sendung als Plattform, seinen Gedanken, Sorgen und Ahnungen eine Bühne zu geben. Er erzählt der Zuhörerschaft des Programms von der Invasion der Anderen, die nach einem ausgeklügelten System Schritt für Schritt, Jahr um Jahr Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen. Und nun sind sie ihm auf der Spur. Ein Lüftungsschacht verspricht einen Ausweg. Wird ihm die Flucht gelingen?

NACHTSENDUNG von HARALD A. WEISSEN gleicht einer schrillen, bildgewaltigen Abfolge von Sequenzen, die vor Brutalität, Sex, Drogen, Korruption und dergleichen übersprudelt. In einem Strudel der Ereignisse bleibt dem Leser kaum Zeit, zu Atem zu kommen. Nur gut, dass es sich bei diesem wilden Taumel um schwindelerregende Zukunftsmusik handelt … Oder etwa nicht?

Casey Madigan – wundervoll, wunderschön, perfekt. Sie beherrscht seinen Alltag, seine Träume, sein Leben. Keanan ist fasziniert von ihr. Geradezu besessen. Sie arbeiten zusammen, doch sie nimmt kaum Notiz von ihm. Er weiß, wann ihr Feierabend beginnt und wo ihr Weg danach hinführt. Fasçade heißt der Club, den sie regelmäßig aufsucht. Er wird ihr folgen. Was sich ihm schließlich erschließt, kommt unverhofft. In der Painstation sind sie sich nahe wie nie zuvor. Und wahrscheinlich auch nie wieder …

Mit der Prim-Sim, der Primaten-Simulation der PAINSTATION überrascht RONALD MALFI nicht nur seine Hauptfigur Keanan. Hinter der Fassade des Gewohnten steckt eine exklusive Welt der erotischen Spielarten. Scheinbar grenzenlos, aber keinesfalls schmerzfrei!

Nachdem der Großvater verblichen, Hof, Vieh und Gerätschaften veräußert, sollte das Leben mit Freude und Genuss einen neuen Anstrich bekommen. Eine möblierte Maisonette war schnell gefunden. Der Wechsel vom Land in die Stadt so gut wie vollzogen. Womit nicht zu rechnen war, ist der monotone, dumpfe Ton, der mehr und mehr Nacht und schließlich auch Tag begleitet. Für ein wenig Stille ließe sich doch glatt morden …

Dem Schreibstil von MARC-ALASTOR E.-E. angemessen, versetzt DER DORN IM AUGE in eine frühere Zeit, in der Kutschen, Droschken und Lastkarossen das Straßenbild bestimmten. Was zunächst als schauriger Spuk beginnt, reift über einen erschreckenden Fund zum grausamen Serienmord.

Der Comte Javier Duval, seine Braut Claire, deren Zofe Babette und Pierre der Kutscher befinden sich auf Reisen gen Heimat. Die Hochzeit soll auf dem elterlichen Anwesen gehalten werden. Ein Unwetter treibt sie jedoch zu einer unheimlichen Burg inmitten eines Waldes weitab ihres Weges. Chevalier Romain Nemour heißt sie willkommen und bietet ihnen Kost und Logis in seinem spartanisch eingerichteten Gemäuer. Er und Guillaume sind ein eingespieltes Team. Und das schon sehr lange. Romain ist ein Wiedergänger und wandelt seit über fünfhundert Jahren durch Raum und Zeit. Nur ein einziges Mal ist ein Wesen seiner Art in der Lage, einem Gefährten seiner Wahl Unsterblichkeit, Jugend und Schönheit zu schenken. Dieser besondere Moment scheint gekommen. Sein Interesse gilt allerdings nicht der Jungfrau im Bunde!

Diese kurze Geschichte ist ein weiterer Beweis für die romantische Ader der Autorin. Doch dieses Mal überrascht TANYA CARPENTER gleich doppelt. In ebenfalls älteren Gefilden trotzt sie dem Standesdünkel auf prekäre Art und Weise. Und selbst innerhalb homoerotischer Leidenschaft erfährt BRUDERBLUT einen weiteren Kniff, den der Leser wohl kaum erwartet.

Eine Sackgasse nahe der Autobahn, hinter der Betonmauer zwei aneinander liegende Höfe. Viele Male spielte Sarah hier mit Amelia Jacoby. Ganz genau erinnert sie sich an das Seifenblasenbaby, jene Puppe, die mit Hebelwirkung ihres Arms schillernde Blasen aus ihrem Mund freigab. Eine der wenigen Freuden, die Amelia von ihrem Vater erfuhr. Leider war das Gegenteil gang und gäbe. Bis es zum Schlimmsten kam. Heute, elf Jahre später, wartet die beste Freundin auf Sarah, nimmt sie an die Hand und führt sie in eine bessere Welt …

Sehr düster und melancholisch nähert sich DANIEL G. KEOHANE dem Tod. Tiefgründig erfasst er die Themen Gewalt und Krankheit. AMELIA lässt den Leser nachdenklich und traurig, dennoch mit einem kleinen Lichtblick auf das Jenseits zurück.

Franka und Roland wünschen sich schon längere Zeit Nachwuchs. Durch ein dummes Missgeschick haben sie ihre Chance jedoch verspielt. Während Roland seiner vermeintlichen Nachtschicht Folge leistet, verbringt Franka die Stunden des Wartens in dem einsamen Haus inmitten des unheimlichen Waldes in Gesellschaft guter Freunde. Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren. Als Amelie und Pierre beschließen, den Heimweg auf Grund ihres Alkoholkonsums zu Fuß anzutreten, ahnen sie nicht, welche Geheimnisse das düstere Fleckchen Erde schließlich offenbaren wird …

Wer diese Art Freunde hat, braucht keine Feinde mehr! Schnell werden Gäste zur BEUTE und Freunde zu skrupellosen Jägern. FLORIAN HILLEBERG lässt den Schrecken auf leisen Pfoten heranpirschen, um den Leser schließlich vor vollendete Tatsachen zu stellen. Nicht unbedingt überraschend, jedoch umso eindrucksvoller beschrieben, kommen Werwölfe ihrer animalischen Natur nach. Sehr amüsant und in gewissem Sinne märchenhaft ist der Schluss geschrieben.

Ward, Valerie und die kleine Ellie teilen sich zusammen mit Kater Hannibal und Ellies imaginärem Freund Mr Chickenbaum ein trautes Heim. Ihr Leben scheint nahezu die perfekte Idylle. Wären da nicht die wenig anschaulichen Jagdtrophäen des Katers im Garten. Mr Chickenbaum klärt Ellie über deren Herkunft auf. Ein cleveres Kerlchen. Doch seine Aussagen über die Dunkelheit erschrecken selbst die Eltern. Der imaginäre Freund macht ihnen Sorgen. Was steckt hinter dieser scheinbar harmlosen Kinderphantasie?

Mehr Schein als Sein oder doch ein Stückchen Wahrheit? Ein harmonisches Heim und eine phantasievolle Familie wähnen den Leser erst einmal in Sicherheit. Doch dann wirft die Dunkelheit Zweifel auf. Wie viel Wirklichkeit umgibt die imaginären Freunde der Kindheit? BRIAN KEENE kommt dem Geheimnis von MR CHICKENBAUM verdächtig nahe.

Glücksspiele – des einen Freud, des anderen Leid. Zu Bakkarat können die Kontrahenten Baron von Rottberg, Prinz Albert Victor und Nathaniel Hawthorne auch an Board des Luftschiffs Queen Anne nicht nein sagen. Der Prinz ist schnell aus dem Rennen. Die Entscheidung über Sieg und Niederlage fällt zwischen Nat und dem Baron. Und obwohl die Pechsträhne Nat treu ist, kommt sein Schuldschein nicht zum Tragen. Statt dessen folgt er von Rottbergs Aufforderung, ihn in London zu begleiten. Der Deutsche ist stolz auf seine Experimente. Doch was Nat in den finsteren Gassen miterleben wird, hätte er lieber nicht gesehen … „Der Ripper schneidet wieder!“

Grausame Morde in lauterer Absicht? KARL-GEORG MÜLLER versetzt den Leser in eine längst vergangene Zeit. Eine tragische Liebe, ein unerwartetes Wiedersehen und eine Mordserie in den düsteren Ecken Londons überzeugen mit Stil und Spannung. Wie es mit der Hauptfigur Nathaniel Hawthorne und seiner Jugendliebe Caitlin weitergeht, erfahren wir im folgenden Roman STÄHLERNE SEELEN, der für Herbst 2011 in der Horrorreihe SCREAM angekündigt ist.

PAINSTATION enthält zehn Kurzgeschichten, die auf ihre jeweils eigene Vorgehensweise eine Schwarz-Weiß-Grafik des Münchener Künstlers MARK FREIER interpretieren. Mal in direkter Bezugnahme, mal als Inspiration, dienen die Werke Erzählungen über Vampire und Werwölfe, technischen Finessen und erotischen Neigungen, Invasionen fremder Arten und Serienmorden, imaginären und verstorbenen Freunden. Nahe der Realität, vollendete Fiktion, oder irgendetwas dazwischen – das Grauen kommt auf leisen Sohlen …

Neben den Innengrafiken stammen auch Coverlayout, Satz und selbstverständlich die Covergrafik von MARK FREIER. In Hochglanz und Farbe lehrt sie den Leser bereits vor der Lektüre das Fürchten und stimmt perfekt auf die Geschichten der Anthologie ein.

Für Inhalt, Optik und das größere Format erscheint der Preis absolut angemessen.

Der Leser darf sich auf Kunst in Wort und Bild freuen.

Fazit:
Insgesamt sehr abwechslungsreich, niemals langweilig und durchweg auf hohem Niveau bietet PAINSTATION düstere Unterhaltung für den geneigten Leser.
Schaurige, spannende und tiefgründige Texte interpretieren eindrucksvolle Grafiken.
Kleine Appetizer als großer Ausblick auf eine viel versprechende Horrorreihe …

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Über FiktiveWelten

Bücherwurm – überrascht?!? Fotoknippser – schlimmer als jeder Tourist und ganz egal was ^^ Abenteurer – stets auf Entdeckungstour: "Mein Schaaaatz!!!" (Geocaching) Produkttester – weil’s Spaß macht, Wirbelwind – Chaos in Person FiktiveWelten – seit 2010 :o)
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