REZENSION: Sorry ~ Zoran Drvenkar

Titel: Sorry
Autor: Zoran Drvenkar
Seitenzahl:
397 Seiten
Erschienen: Februar 2009
Preis: 19.90 EUR
ISBN: 978-3-550-08772-1
Verlag: Ullstein

Die fetten Jahre sind vorbei. Eine gute Geschäftsidee ist gefragt. Frauke, Tamara, Kris und Wolf, vier junge Berliner, stört, dass sich niemand mehr für nichts verantwortlich fühlt. Sie setzen auf die heilsame Kraft eines einfachen „Sorry“ und gründen eine „Agentur für Entschuldigungen“. Erstaunt stellen sie fest, dass die Resonanz überwältigend ist. Bis Kris eines Tages am vereinbarten Treffpunkt nicht den Klienten, sondern eine brutal zugerichtete Leiche findet. Und den Auftrag, sich bei ihr zu entschuldigen. Die vier lassen sich auf ein gefährliches Spiel mit dem Mörder ein, das immer perfider und grausamer wird.
Ihr Angebot rüttelt die Geschäftswelt auf, denn sie entschuldigen sich für die Vergehen von Unternehmen. Sie bieten den Schuldigen Unterstützung an und helfen den Opfern. Sie selbst verdienen viel Geld damit, die vier jungen Berliner, die diese clevere Geschäftsidee hatten, irgendwann, bevor alles anfing. Immer mehr Menschen erleichtern über sie ihr Gewissen – als ihnen eines Tages jemand den Auftrag erteilt, eine Tote um Verzeihung zu bitten für die unvorstellbaren Qualen, unter denen sie starb. Hier schnappt die Falle zu. Die Lektion, die der Auftraggeber ihnen ab jetzt erteilt, ist voller Dunkelheit: Wie Schachfiguren werden sie auf eine Spur der Grausamkeit gesetzt, auf der es keine Vergebung gibt, kein Schwarzweiß mehr zwischen Opfer und Täter. Zoran Drvenkars verstörender neuer Roman erzählt auf zwingende Weise von einer Welt, in der wir der Gewalt nicht mehr ausweichen können.
(Inhalt + Cover © Ullstein)

Rezension:

Vier Freunde, Kris, Tamara, Wolf und Frauke. Noch vor Jahren, kurz nach der Schule, dachten sie, die Welt läge ihnen zu Füßen und warte nur darauf, was sie daraus machen. Doch das Leben lehrte sie eines Besseren. Die Realität und diverse Fügungen des Schicksals läuterten sie. Eine zufällige Begegnung im Park, ein gemeinsames Abendessen zu viert – und eine clevere Idee ward geboren.

SORRY, denn Vergebung kennt keine Grenzen.

Die Berliner gründen eine Agentur, die sich entschuldigt; für Fehltritte, Missverständnisse, Kündigungen, Streit und Fehler im geschäftlichen Bereich. Sie sind überraschend erfolgreich, der Bedarf der Unternehmen an professionell überbrachten Entschuldigungen scheint groß. Viele Gewissen werden erleichtert, Schuldgefühle beseitigt. Doch eines Tages erhalten sie einen Auftrag, der ihr Leben auf den Kopf stellt. Diese besondere Entschuldigung führt sie zu einer Toten, deren Leben auf grausame Weise ein Ende fand. Es wird erwartet, dass sie ihr eine vorformulierte Entschuldigung überbringen und die Leiche im Anschluss beseitigen. Wie sollen sich die Freunde nun verhalten? Haben sie überhaupt eine Wahl? Der geheimnisvolle Auftraggeber scheint sie in der Hand zu haben. Nicht nur ihr Leben ist plötzlich in Gefahr…

Zoran Drvenkars neuester Roman, der Thriller Sorry, sticht schon von weitem ins Auge. Das dunkle Cover mit dem verwackelten weißen Schriftzug des Titels bildet einen gelungenen Kontrast. Sehr auffällig außerdem die rote Banderole, die den geneigten Leser mit folgenden Worten zur Vorsicht mahnt: „… aber sagen Sie später bitte nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.“ und „Ein Thriller wie ein böser Traum.“. Nach der Lektüre kann ich zweifelsfrei behaupten, das Buch trägt diese Warnung zu Recht!

Der Autor begeistert in Sorry mit einem gut durchdachten Konzept. In acht Teilen fügen sich kleinste Puzzleteilchen, die diversen Kapitel, langsam zu einem großen Gesamtbild zusammen. Dabei spielt der Autor außergewöhnlich überzeugend mit unterschiedlichen Erzähl- und Zeitperspektiven. Mit diesem strukturellen Aufbau sticht Drvenkar klar aus dem Angebot üblicher Schreibkunst heraus. Er lässt den Leser zwischen einem ‚davor’, ‚dazwischen’ und ‚danach’, sowie der ersten, zweiten und dritten Person Singular hin- und herspringen, verwirrt und fordert ihn zugleich. Selbst die erste Person Plural bleibt nicht außen vor. Wie durch einen Fremdenführer werden beispielsweise Einblicke in das Leben der vier jungen Berliner geboten. Besonders ansprechend empfand ich hierbei die Aussage beim Abendessen zu Ehren Fraukes: „Während sie auf das Essen warten, sprechen sie über Frauke. Und da sehen und hören wir jetzt weg. Denn das ist privat. … Mehr müssen wir nicht erfahren.“ (Seite 312). Der Fokus liegt in den einzelnen Kapiteln jeweils auf ‚Du’, Kris, Tamara, Wolf, Frauke und ‚Der Mann, der nicht da war’. Auf diese Weise erhält der Leser allumfassende Kenntnisse rund um die verschiedenen Handlungsstränge. Und auch die Umschreibung der Gewaltverbrechen ist ungewöhnlich. Einerseits schonungslos, andererseits sachlich mit vorsichtiger Distanz. Diese Herangehensweise bietet viel Freiraum für eigene Gedanken und Vorstellungen. Es obliegt jedem Leser selbst, zu bestimmen wo die Grenze der persönlichen Phantasie gesetzt wird. Doch Vorsicht, die Thematik ist nichts für zart besaitete Gemüter!

Zoran Drvenkar präzisiert Abgründe der menschlichen Seele: Opfer, die zugleich Täter sind und umgekehrt. Eine klare Trennung zwischen Gut und Böse existiert in diesem Buch nicht. Zahlreiche Wendungen des Geschehens sorgen für Überraschung und Abwechslung. Das verwendete Präsens unterstreicht Tempo und Eigendynamik der Handlung. Wachsende Spannung und die bedrückende Atmosphäre ziehen sich kontinuierlich von Anfang bis Ende durch das gesamte Buch. Der Autor erzeugt eine beeindruckende Nähe zu Figuren und Handlung. Die Charaktere sind allesamt interessant gestaltet. Die Hin- und Hergerissenheit der vier jungen Leute in ihrer prekären Lage ist zum Beispiel sehr gut nachzuvollziehen. Das Buch ist insgesamt flüssig geschrieben, die Wortwahl direkt, offen und unverblümt. Dass Zoran Drvenkar seinen Thriller in alter Rechtschreibung präsentiert, ist heutzutage ungewöhnlich, stört mich aber überhaupt nicht, bin ich doch mit dieser Schreibweise aufgewachsen.

Fazit:

Zoran Drvenkar hat mit Sorry einen beängstigenden Albtraum erschaffen, der drohend seine Hände ausstreckt, in der Magengegend für Aufruhr sorgt und das Herz fest umklammert hält. Ein Pageturner, der so sehr fesselt, dass man vor Spannung in die Fingerknöchel beißen möchte. Respekt für dieses grandiose Werk!

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Über FiktiveWelten

Bücherwurm – überrascht?!? Fotoknippser – schlimmer als jeder Tourist und ganz egal was ^^ Abenteurer – stets auf Entdeckungstour: "Mein Schaaaatz!!!" (Geocaching) Produkttester – weil’s Spaß macht, Wirbelwind – Chaos in Person FiktiveWelten – seit 2010 :o)
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14 Antworten zu REZENSION: Sorry ~ Zoran Drvenkar

  1. nanacara schreibt:

    Super Rezi! Das Buch hört sich richtig richtig gut an! 😀

  2. msmedlock schreibt:

    Hallöchen!
    Tja, was soll ich sagen. Auf der einen Seite finde ich, dass es sehr interessant klingt. Wie so eine professionelle Entschuldigung wohl aussieht?
    Allerdings taste ich mich erst wieder in das Krimigenre rein, deshalb ist etwas so Komplexes vielleicht nicht das richtige für mich in diesem Moment. Aber ich behalt es mal im Hinterkopf.
    LG, m
    PS. Hab dich schon wieder getaggt. Ich nerviges Persönchen. 🙂

  3. fraggle99 schreibt:

    Das klingt spannend! Und es erinnert mich inhaltlich doch sehr an „Hotline“ von Jutta Maria Herrmann…

  4. elizzy91 schreibt:

    Ein sehr spezielles Thema! Das Buch kommt definitiv auf meine Wunschliste! Tolle Rezension – mag die Art wie du Bücher zusammenfasst sehr!
    Wünsche dir noch einen tollen Tag! ♥

  5. Jessi schreibt:

    HI Patricia 😀

    Ich habe mittlerweile alle Bücher von Drvenkar gelesen und ich mag seinen Stil einfach richtig gerne. Bei „Sorry“ hatte mir nur die Auflösung nicht so recht gefallen, alle seine anderen Bücher hatten am Ende noch eine richtig krasse Wendung, weswegen ich dieses Buch eher als sein Schwächstes in Erinnerung hatte!

    Du solltest unbedingt „Still“ lesen! 😀 Das Buch ist echt der Hammer. Ich hatte solch eine Gänsehaut beim Lesen! 😀

    Liebe Grüße
    Jessi

  6. Denise Yoko Berndt schreibt:

    Ich hab’s innerhalb von 24 Stunden verschlungen – ein absolutes Thriller-Meisterwerk 🙂

    • FiktiveWelten schreibt:

      Ich habe glaube ich etwas länger gebraucht, aber generell lässt sich sein Schreibstil wirklich fix lesen. :o)

      • Denise Yoko Berndt schreibt:

        Ist zwar schon ca. 2 Jahre her, dass ich’s gelesen habe, aber daran, dass ich einfach nicht aufhören konnte, kann ich mich noch gut erinnern 🙂

      • FiktiveWelten schreibt:

        Ich hab es damals 2009 durch vorablesen bekommen – deswegen kann ich mich jetzt nicht mehr so ganz an das Ende erinnern, ob es mir da evtl. ähnlich ging. Aber es war in meine Highlightliste gerutscht, also hat es mich wohl nicht allzu sehr gestört. Die Sog-Wirkung ist mir dagegen auch noch sehr präsent! ;o)

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