REZENSION: Hänschen klein ~ Andreas Winkelmann

Titel: Hänschen klein
Autor: Andreas Winkelmann
Seitenzahl:
416 Seiten
Erschienen: Januar 2010
Preis: 8.95 EUR
ISBN: 978-344247125-6
Verlag: Goldmann

Der junge Anwalt Sebastian Schneider bekommt eines Tages einen seltsamen Brief: die erste Strophe des Liedes »Hänschen klein« und das innige Versprechen einer Frau, dass sie und ihr Hans bald wieder vereint sein werden. Sebastian glaubt an einen Irrtum. Er ahnt nicht, dass er einen Liebesbrief in den Händen hält, der sein Leben zerstören wird: den Brief einer Mutter, die – totgeschwiegen, totgeglaubt, dem Wahnsinn verfallen – auf der Jagd nach ihrem Sohn ist. Und bereit, für ihr Hänschen klein über mehr als eine Leiche zu gehen … (Inhalt + Cover © Goldmann)

Rezension:

Für Andreas Winkelmann ist das Schreiben nicht nur Leidenschaft, sondern Berufung. Seine Faszination gilt dem abgrundtief Bösen. Dass er davon so einiges versteht, zeigt der Thriller TIEF IM WALD UND UNTER DER ERDE, der die Bestsellerlisten im Nu eroberte. Mit seinem neuen Werk HÄNSCHEN KLEIN hofft er, an diesen Erfolg anzuknüpfen.

Der Prolog lenkt den Blick des Lesers auf ein Ereignis in der Vergangenheit.
Ellies Schwangerschaft ist willkommene Entschuldigung für ihre Reizbarkeit, die Stimmungsschwankungen, eine unkontrollierte Fresssucht und…
Kann dies wirklich alles erklären? Peter Brock hegt Zweifel. Er hat Angst. Zu Recht, fällt auch er dieser Frau schließlich zum Opfer.
Einsamkeit, Stille, Dunkelheit, Tod – aus der Spieluhr erklingt eine alte Kinderweise.
Szenenwechsel, drei Jahre später: Der kleine Junge kann sich nicht erklären, was vor sich geht. Panik, Tumult und ein Versprechen seiner Mama. Niemand nimmt ihn ihr weg, sie wird ihn finden, überall!

Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein.
Stock und Hut stehn ihm gut, ist ganz wohlgemut.
Aber Mutter weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr…

Gegenwart: Sebastian, aufgewachsen auf dem außerhalb gelegenen Hof bei Edgar und Anna Schneider, die eine Hannoveranerzucht betreiben, hat gerade sein Studium beendet und seine Karriere bei Oltmanns, Steyer und Riedelsberger, der renommiertesten Kanzlei der Stadt in Gang gebracht. Spezialisiert auf Arbeits- und Vertragsrecht, muss er sich jedoch Oltmanns´ Willen fügen und bearbeitet mit wenig Vergnügen seinen ersten Mordprozess. Nach einem anstrengenden Tag kehrt er des Abends auf den Hof zurück und findet einen an ihn adressierten, violetten Briefumschlag ohne Absender vor. Im Inneren die erste Strophe des Liedes Hänschen klein und eine an Hans gerichtete Nachricht, die eine Handlung aus Liebe beteuert. Da Sebastian sich nicht angesprochen fühlt, misst er dem Brief keine Bedeutung bei und entsorgt ihn unversehens.
Als er am nächsten Morgen nach einem kurzen Ausritt auf Wallach Falco in die Kanzlei fährt, gibt es einen großen Knall. Während der fünfundvierzigminütigen Fahrt durch den Berufsverkehr grübelt er über seinen aktuellen Fall. Den heranbrausenden Wagen bemerkt er zu spät. Dennoch erweist sich der Unfall als Glück im Unglück. Sebastian hat keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen und auch die Unfallverursacherin kommt mit zwei angebrochenen Rippen, einer Gehirnerschütterung und einer genähten Wunde davon.
Saskia Eschenbach. Sebastian entscheidet, die Verletzte im Krankenhaus zu besuchen. Sie verstehen sich auf Anhieb ausnehmend gut. Seine Gedanken kreisen immerzu um ihre schwarzen Haare und ihre dunklen, lebendigen, tiefgründigen Augen. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Der Beginn einer harmonischen Zeit in Zweisamkeit – doch es kommt anders als gedacht. Das Grauen zieht immer engere Kreise um den Schneiderhof, um Sebastian und seine Lieben…

Andreas Winkelmann erfindet mit HÄNSCHEN KLEIN das Rad zwar nicht neu, bietet mit einer aufeinander abgestimmten Mischung aus Thriller, Mystery und hier und da gestreuten Horrorelementen solide Unterhaltung im flüssig-fesselnden Schreibstil.

Pro- und Epilog sowie der zweigeteilte Hauptpart der Geschichte werden durchweg in dritter Person Singular aus unterschiedlichen Blickwinkeln wiedergegeben. Die einzelnen Kapitel sind in der Gegenwart mit entsprechenden Wochentagen des chronologischen Ablaufs überschrieben. Innerhalb der Erzählung wechselt der Autor dann und wann die Schauplätze des Geschehens. Somit erhält der Leser Einblick in mehrerlei Situationen und vermag die unterschiedlichen Handlungsstränge wie ein Puzzle zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Trotzdem recht früh abzusehen ist, wie Personen und Vorkommnisse zusammenhängen, tut dies der Spannung keinen Abbruch.
HÄNSCHEN KLEIN lebt von der düsteren Atmosphäre, den detailreichen Beschreibungen und der Gänsehaut, die gerade zwischen den Zeilen entsteht.
Winkelmanns Naturverbundenheit und Offenheit gegenüber mystisch-spirituellen Einflüssen geben dem Setting den gefälligen Feinschliff. Inspiration bieten ihm beispielsweise die Rituale der Naturvölker und die Vorstellung, dass der Geist des Menschen auch körperlos fließen kann. Seine Leidenschaft für Gruselgeschichten ist ebenso unverkennbar.

Im Fokus des Romans steht zweifelsohne der aufstrebende Junganwalt Sebastian Schneider. Teil einer regelrechten Familienidylle, die abgeschieden in Ruhe und Frieden eine eigene Welt bildet, werden ihm düstere Familiengeheimnisse, längst verdrängt doch niemals vergessen, schlussendlich zum Verhängnis. Edgar und Anna Schneider werden als bodenständiges, verlässliches Ehepaar dargestellt. Saskia ist die hübsche, selbständige Innenarchitektin, in der Sebastian seine große Liebe findet.
Die Weichen für eine glückliche, erfolgreiche Zukunft scheinen gestellt… Wäre da nicht die große Unbekannte, die dem allen schließlich ein Ende setzt.
Der Bösewicht ist in HÄNSCHEN KLEIN von massiger Gestalt und noch dazu dem Wahnsinn verfallen. Die ermittelnden Beamten, allen voran Oberwachtmeister Uwe Hötzner und Kriminalhauptkommissar Derwitz, spielen eine untergeordnete Rolle, was die Handlung jedoch keinesfalls negativ beeinflusst.
Andreas Winkelmanns Figuren erfüllen tendenziell das eine oder andere Klischee, bieten dennoch genug Eigenpotenzial, um interessant zu wirken.

Gedanken, Emotionen und Interaktionen halten den Leser bei Laune. Es fehlt nicht an Dramaturgie.
Mit dem Epilog und dem Satz zum Ausklang des Thrillers „Noch lange nicht zu Ende…“ sorgt der Autor für einen kräftigen Widerhall seiner Geschichte in den Gedanken der Leserschaft.

HÄNSCHEN KLEIN erscheint als praktisches Taschenbuch zum günstigen Preis.
Optisch ähnelt die Aufmachung dem Vorgänger TIEF IM WALD UND UNTER DER ERDE. Im Hintergrund ein zum Inhalt passendes Tor aus Holz, vorn bis etwa zur Mitte des Covers glänzende, rote Farbe im Sinne einer Blutlache.

Fazit:

Mystisch, spannend, grauenhaft!
Andreas Winkelmann spielt mit der Psyche des Menschen. Eine bemerkenswerte Gratwanderung zwischen bedingungsloser Liebe, unkontrollierter Raserei und abgrundtiefem Hass.

Signatur_SU

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Über FiktiveWelten

Bücherwurm – überrascht?!? Fotoknippser – schlimmer als jeder Tourist und ganz egal was ^^ Abenteurer – stets auf Entdeckungstour: "Mein Schaaaatz!!!" (Geocaching) Produkttester – weil’s Spaß macht, Wirbelwind – Chaos in Person FiktiveWelten – seit 2010 :o)
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8 Antworten zu REZENSION: Hänschen klein ~ Andreas Winkelmann

  1. fraggle99 schreibt:

    Ich habe vor einigen Monaten „Deathbook“ von Winkelmann gelesen und fand es mittelschwer fürchterlich. Sogar so fürchterlich, dass ich beschlossen habe, keine weiteren Bücher von ihm zu lesen. Auch wenn mir damit vielleicht etwas entgeht. 😉

  2. Jessi schreibt:

    Hi 😀
    Schöne und sehr detaillierte Rezension! Früher mochte ich Winkelmann sehr gerne, aber nachdem ich kurz mal mit ihm geschrieben habe wegen einer Rezension von mir, mache ich einen Bogen um ihn, 😂 manchmal verbauen es sich die Autoren selbst, leider!

    Liebe Grüsse
    Jessi

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